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Friday, February 17th 2012 | 0:22

Praia Mole. Saudade! Surfergruß aus Brasilien, dem Land des Lächelns, der Liebe, der luftigen Lieder. Ja ja, ich weiß, aber ich bin nur Nutznießer des Glücks, nicht sein Verteiler. Jeden Morgen gehe ich zum Strand, öffne mit drei geübten Machetenhieben die vielen Kokosnüsse, die über Nacht vom Himmel gefallen sind, und trinke ihren Saft aus den Bauchnabeln brasilianischer Schönheitsköniginnen, Frühstück. Dabei flüstere ich den Damen Worte wie Beleza oder Maravillosa zu, sie gucken verzückt auf den Atlantik, mein Ego bleibt aber in der Badehose, wo auch sonst, mehr habe ich natürlich nicht an. Anschließend cremen sie mich mit Avocadoöl ein, ich lege mich neben sie und lese alles, was über illegale Skodafahrten des Ex-Bundespräsidenten zu finden ist, bevor ich meine Erregung darüber bei einem zweistündigen Wellenritt abkühle.
Nachmittags lasse ich mir in der Schönheitsklinik BomBom Popopolster implantieren, abends die Gesichter meiner Kinder auf die Waden tätowieren, weil auf dem Rücken kein Platz mehr ist, da gucken schon Bob Marley und Che Guevara neben den Rücklichtern auf die Welt. Abenteuer ohne Ende hier in Brasilien. Rafting zum Beispiel. Vier Malteser, zwei Urugayos, zwei Deutsche und ein Guide namens Highlander. Deutsche erste Reihe, vorne, eh klar. Parallelpaddeln auf Befehl, weltmeisterlich. Die Malteser sind keine Seefahrer, und die Urugayos, na ja, aber die Deutschen und Highlander, die haben das Boot durch den Dschungelfluss gesteuert, Wasserfälle passiert, Malteser aus der Strömung gerettet. Die Fotos ab ins Tagebuch und jetzt erstmal gucken, was auf den schwarzen Teppichen in Berlin so los ist.
Einmal noch schlafen, dann beginnt der Carnival, ich bin schon ganz aufgeregt. Dann wird tage- und nächtelang getrunken und getanzt, nie mehr geschlafen, am Strand gefeiert, denn das Leben der Brasilianer, das wissen wir aus vielen gut informierten Quellen, das spielt sich schließlich und ausschließlich am Strand ab. Am Praia, ha.
Ab nach Rio, oder besser ach, Rio. Der armen Stadt geht es wie einem Nachtclub, mal in, dann wieder out, mal hip,  dann wieder unhip, kann es niemand Recht machen. Spießig soll Rio geworden sein, ich hätte nichts dagegen, ein spießiges Rio ist immer noch spannender als vieles andere. Bei meinem letzten Besuch stand ich eines Morgens vor dem Arpoador Inn, einem netten Hotel am Schnittpunkt zwischen Ipanema und Copacabena, neben mir ein Amerikaner, der auch auf ein Taxi wartete. Er schrie plötzlich auf und hielt sich das Gesäß, eine Kugel hatte sich verirrt. Tja, Rio, muito peligroso, aber so sexy diese Cariocas (so heißen die Einheimischen, auch das weiß man von Experten).
Vom persönlichen Eindruck Rückschlüsse auf ein Land zu ziehen ist Schwachsinn. Ich bin für Schwachsinn. Also: Brasilien, Land der höflichen Menschen, Land des Acai, des Pirao, der frittierten Fische, der laufenden, schwimmenden, sich bewegenden Menschen, des Miteinander, des Aggressionslosen, Land, eben nicht seinem Klischee entsprechend. Land, geliebtes.
Friday, February 3rd 2012 | 16:26
Mendoza esta caliente. Y no precisamente por el furioso sol que castiga a la ciudad. Esta caliente por la temperatura del River-Boca de esta noche. Muy caliente. Como el Chori Dominguez con Diego Abal. Como los hinchas de River por una nueva derrota ante el rival del siempre. (Olé, 29. Januar 2012)
Fitz Roy 1545. Eine Wolke schob sich vor die Sonne, die Buenos Aires seit Wochen toastete. Es war der Beginn einer Rebellion, andere Wolken folgten, die Schwüle erhob sich und stieg zum Himmel, der dunkel wurde, obwohl der Tag noch vor sich hin tagte. Dann brach der Himmel in sich zusammen und es regnete, wie es nie zuvor geregnet hatte, und der Strom, der fiel einfach aus.
Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade 33 Jahre alt geworden, ein Alter, in dem man noch in der Ich-Form schreiben sollte. Ich lag auf der Couch, von der ich auf den Untergang, den Pool, Palermo Hollywood und seine Gebäude blickte, die nicht gebaut schienen um diesem Unwetter zu trotzen, es aber doch taten. Ich trug ein Handtuch, mehr nicht, weil ich gerade duschen und dabei das Lied “What’s the frequency Kenneth” von REM hören wollte. Ich mochte REM eigentlich nie, aber seit sie sich aufgelöst haben, mag ich sie auf einmal. Aus dem Duschen wurde nichts, stattdessen verfinsterte sich das Zimmer, die Klimaanlage stoppte, der Kühlschrank brummte nicht mehr, der Fernseher schwieg. Nur Wind, Regen und Donner waren zu hören, fette Tropfen klatschten auf den Balkon (kann Wasser explodieren?), und einige obdachlose Hunde bellten und jammerten in die Blitze, als würden die sich von so einer billigen Sinfonie vertreiben lassen.
In San Telmo rannten die Gaukler in die Subte, die Kellner vom Amici Miei am Plaza Dorrega räumten die Tische vom Balkon, die Pferde der Carreras im Hipodromo schrien in ihren Boxen, Avenidas wie die Libertador wurden zu Flüssen, auf den Tennisplätzen in Obras mischte sich der Sand mit Wasser und wurde zu dreckigem Blut, die Gäste des Oviedo aßen ihre Bife Zuhause, die Terrasse vom Malba wurde zum Regentropfenauffangbecken, die schwarzgelben Radiotaxis verzweifelten im Wasserstau, bei Renatas Maniküre blieben die Nägel unfertig zurück, die Paseaperros von Recoleta brachten die Pudel schnell zu ihren Besitzerinnen, nur die Cartoneros hatten nichts, wohin sie flüchten konnten und schoben mit ihren Söhnen weiter ihre Karren voller durchnässter Pappe durch die Straßen, auf denen sich ihr Schicksal entscheidet, weil sie nichts haben, wenn ihnen die Straße nichts gibt.
Auf das Elementarste zurück geworfen zu werden macht am meisten Spaß, wenn es absehbar ist, dass die Bedürfnisse der Zivilisation bald darauf wieder in allen Formen befriedigt werden. Es war ein schöner Moment auf der Couch, allein und im Dunklen. Einer von vielen schönen Momenten in Südamerika, in denen es so leicht fällt im Jetzt zu verharren, das Morgen zu ignorieren.
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